Status 3 - Der DBRD Podcast

Fachwissen. Einsatzpraxis. Berufspolitik.

Folge 5: Sachgebiet Medizinische Versorgung

Wie es pratkisch gemacht werden kann

28.05.2026 47 min

Zusammenfassung & Show Notes

Wie funktioniert Governance im Rettungsdienst ganz praktisch?
Marie aus dem Sachgebiet Medizinische Versorgung des Rettungsdienst Landkreis Nordfriesland stellt uns das einmal vor.

1. Aus Analgesieatlas wird Schmerzlandkarte, sonst ändert sich nichts!
https://www.dbrd.de/schmerzlandkarte

2. Die vertrauliche Geburt:
Kurzer online-article auf DasFoam: https://dasfoam.de/2020/10/25/vertrauliche-geburt/
Informationen der BAFZA: https://www.bafza.de/rat-und-hilfe/vertrauliche-geburt/
Flyer vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für den Rettungsdienst: https://www.bmbfsfj.bund.de/resource/blob/154784/4023a4631391463fe55a3317f6acebe4/vertrauliche-geburt-infos-fuer-rettungsleitstellen-data.pdf
Wer nicht so viel lesen möchte: Kurzvortrag zur vertraulichen Geburt: https://dasfoam.de/wp-content/uploads/2020/12/Geburt-dasFOAM.mp4

Weiterer Artikel zu Governance:
- Kostenloser Artikel in der Notfall- und Rettungsmedizin: https://www.springerpflege.de/clinical-governance-perspektiven-fuer-eine-bessere-praehospitale/51922072

Transkript

Marie Leistikow
00:00:03
Also wir pflegen den nicht bestrafenen Umgang mit Fehlern grundsätzlich. Das machen wir schon jahrelang. Und wir möchten gerne, dass das weiter ausgebaut wird, also dass die Leute sensibilisiert werden.
Michael (Mike) Stanley
00:00:17
Moin zusammen und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Status 3. Mein Name ist Michael Stanley und ich bin sozusagen die Stimme zum Podcast. Heute haben wir ein spannendes Interview mit Marie Leistikow vorbereitet zum Thema Governance und wie das praktisch aussehen kann in einem Rettungsdienstbereich. Aber vorher noch zwei kurze Punkte. Ihr habt vielleicht im letzten Monat die Folge schon gehört zur Analgesie im Rettungsdienst mit Simon. Da ging es unter anderem um das Projekt analgesieatlas. de. Und in der Zwischenzeit hat sich da ein bisschen was getan, wie ihr vielleicht schon gemerkt habt. Analgesieatlas. de ist sozusagen umgezogen. Wir als Deutscher Berufsverband Rettungsdienst haben. Den IT-Support übernommen für den Simon und führen das Projekt mit ihm zusammen weiter. Das heißt, analgesieatlas. de wird einfach nur weiterleiten auf einen dbrd -Link. Weil es für unsere IT einfacher ist, das Ganze sozusagen im DBRD-Kosmos fortzuführen, statt eine neue Seite auf analysiertlas. de aufzusetzen. Die Darstellung hat sich dadurch geändert. Ich finde, sie ist ein bisschen schicker geworden, ein bisschen filigraner geworden, ist vor allem auch auf Handys und auf verschiedenen Endgeräten ein bisschen schneller darstellbar, schöner darstellbar. Und wir können so auch möglicherweise in der Zukunft auch andere Themen grafisch so aufarbeiten. Simon unterstützt uns, wie gesagt, auch weiterhin. Das ist nach wie vor in meinem Kopf auch nach wie vor sein Projekt. Und die Daten, also die Tabelle, die er erstellt hat, die werden auch wieder verfügbar gemacht. Das heißt, es wird auch bei uns dann herunterladbar sein und auswertbar sein für alle, die das gerne möchten. Da hängen wir nur ein bisschen hinterher mit unserem Zeitplan, was die IT angeht, aber das wird kommen, genauso wie auch in Kürze wieder ein Formular verfügbar sein wird, wo Fehler, Veränderungen gemeldet werden können. Wenn man sich eben auf der Karte sich umschaut und sagt: Ah, Moment mal, das ist doch mein Rettungsdienstbereich, da weiß ich doch, dass das ein bisschen anders aussieht, als wie es dargestellt ist. Und selbstverständlich auch, es gibt noch ein paar wenige graue Bereiche, wo uns also Informationen fehlen. Wenn ihr dort arbeitet und sagt, Mensch, da kann ich da noch was beisteuern, dann auch dort könnt ihr selbstverständlich dann in Zukunft wieder über das Formular. Die Information einreichen. Wir haben farblich auch die Darstellung ein bisschen verändert. Wir haben uns für verschiedene Grüntöne entschieden. Als zum einen positive Farbe und zum anderen ist es ja auch dieses DBRD-Grün. Und unser Fokus liegt jetzt aber auf der Vorhaltung von Energetika im Rettungsdienst, beziehungsweise im Rettungswagen. Denn ob jetzt die Maßnahmen als Delegation verfügbar sind oder ob die Not dann nach <unk> 2a handeln, wie es ja teilweise in Bayern ist oder vollständig in Rheinland -Pfalz ist. Ist aus meiner Sicht nebensächlich. Da habe ich auch ein bisschen mit Simon drüber gesprochen, beziehungsweise sogar ein bisschen diskutiert drüber im letzten Podcast. Und unser Ansatz ist einfach, dass wir sagen, wir stellen jetzt erstmal dar, was wird vorgehalten. Wenn man aber mit dem Mauszeiger über die einzelnen Bereiche geht, sieht man auch nach wie vor, was nach 2a delegiert ist. Das heißt, die Information ist auch weiterhin dort und wird natürlich auch in der Tabelle, wenn sie wieder runterladbar ist, auch dort weiterhin nachvollziehbar sein. Unser Versuch mit den Punkten war es, sozusagen Rettungsdienstbereiche zu belohnen, die zum einen potenter Energetiker vorhalten und zum anderen auch eine Auswahl Energetiker vorhalten. Wir hatten ja in der letzten Folge auch schon beleuchtet, dass eine gewisse Auswahl, eine gewisse Anzahl an Pfeile im Köcher wahrscheinlich hilfreich ist, um alle unsere Patienten gut energetisch versorgen zu können. Wenn ihr eine bessere Idee habt, wie man das punktemäßig machen kann, ohne dass man anfangen muss, irgendwie die Wurzel zu ziehen oder eine Potenz zu nehmen, sondern wenn ihr eine relativ simple Idee habt, wie man das besser rechnen kann, oder besser darstellen kann, dann lasst es mich gern wissen unter podcast at dbrd. de. Der zweite kurze Punkt vorneweg ist das Thema vertrauliche Geburt. Die Nancy, die bei uns das Social Media managt beim DBRD, hat ja einen kleinen Beitrag gemacht vor ein paar Tagen zum Thema vertrauliche Geburt. Und dabei ist festgestellt worden, dass das doch immer wieder noch für Unsicherheiten sorgt beim Rettungsfachpersonal, weil das doch sehr selten ist und vielleicht auch kein Schwerpunkt war in der Ausbildung oder in der Fortbildung. Und zwar vielleicht in aller Kürze nur nochmal der Hinweis, dass eine werdende Mutter grundsätzlich zu jedem Zeitpunkt ihrer Schwangerschaft, auch noch kurz vor der Geburt, sich entscheiden kann. Das Konstrukt der vertraulichen Geburt wahrzunehmen. Und für uns im Rettungsdienst ist eigentlich nur wichtig, dass wir dann verstehen, Dass die Mutter sich ein Pseudonym ausdenkt, unter dem sie geführt wird, und ein Pseudonym ausdenkt für das Kind, wenn es denn geboren ist. Und wir ausschließlich das Pseudonym dokumentieren und in unserer ganzen Papierlage nutzen für Mutter und für Kind. Und natürlich auch einmal im Protokoll dokumentieren, dass es sich um eine vertrauliche Geburt handelt. Ansonsten findet die Versorgung ganz normal statt und bei der Übergabe im Krankenhaus sollte man auch darauf hinweisen, dass es eine vertrauliche Geburt ist und auch dort nur das Pseudonym verwenden. Das Ganze wird dann ziemlich einfach abgerechnet durch die Abrechnungsabteilung, indem die formlos eine Rechnung schicken unter Angabe des Pseudonyms. an das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben und dann zahlt dieses Bundesamt die Rechnung des Rettungsdienstes und natürlich auch die Rechnung des Krankenhauses. Wenn euch das schon bekannt war, dann sprecht gerne mit euren Kolleginnen darüber. Und wenn ihr in einer Rettungsdienstschule arbeitet, dann schaut gerne, dass das auch Regelmäßig Teil der Außen und Fortbildung ist, damit da möglichst alle Bescheid wissen. Es ist ja eigentlich gar nicht so viel, was wir berücksichtigen müssen im Rettungsdienst, außer dass wir eben nicht die Krankenkassenkarte durchziehen. Dann wäre natürlich das sinnlos mit dem Pseudonym. sondern um die Anonymität der Mutter zu wahren, da eben nur das Pseudonym verwenden. Auch dort wird es weitere Links zu weiteren Informationen in den Shownotes geben Und damit kommen wir auch schon zu unserem Interview mit Marie. Marie, herzlich willkommen zum Podcast Status 3. Vielen Dank, dass du bei diesem Interview mitmachst. Stell dich doch gerne mal selbst vor.
Marie Leistikow
00:06:44
Vielen Dank, dass ich dabei sein darf. Ich bin Marie Leistiko, bin 31 Jahre alt, Notfallsanitäterin und im Sachgebiet medizinische Versorgung beim Rettungsdienstkreis Nordfriesland seit Februar 2025.
Michael (Mike) Stanley
00:06:56
Sehr cool, und jetzt für Leute, die das nicht so einordnen können, kannst du kurz sagen, was macht denn ein Sachgebiet Rettungsdienst?
Marie Leistikow
00:07:04
Das Sachgebiet medizinische Versorgung ist mit mehreren Leuten besetzt. Wir kümmern uns um Qualität und Standard in der Patientenversorgung, um Aus und Fortbildungsmanagement.
Michael (Mike) Stanley
00:07:14
Okay, und jetzt stellt sich ja mir die Frage, das klingt ja wie so eine Rettungsdienstleitung, so ein bisschen, oder ist das was anderes? Das
Marie Leistikow
00:07:22
ist was anderes. Also die Rettungsdienstleitung übernehmen wir nicht. Wir übernehmen lediglich die Patientenversorgung und Fort und Ausbildung der Mitarbeitenden im Einsatzdienst. Und sind auch nicht disziplinarische Vorgesetzte, sondern nur in unserem Bereich, im Bereich Medizin, Patientenversorgung und Aus und Fortbildung.
Michael (Mike) Stanley
00:07:43
Okay, und wie sieht es praktisch bei euch aus? Was machst du dann alltäglich, wenn du nicht auf dem RTW arbeitest?
Marie Leistikow
00:07:50
Wenn ich nicht auf dem RTW arbeite, kümmere ich mich um in und externes Beschwerdemanagement. Über unser Meldewesen oder Beschwerden von extern. Kümmere mich um die Pflege von Daten vom Reanimationsregister zum Beispiel oder um die Auswertung von Protokollen und kommuniziere mit den Mitarbeitenden im Einsatzdienst.
Michael (Mike) Stanley
00:08:11
Ja, spannend. Und das heißt, wenn du jetzt sagst, du wertest die Protokolle aus, so statistisch im Sinne von, du guckst jetzt, wie oft wurde ein Medikament gegeben im Kreis, oder geht es auch darum, dass du dir einzelne Protokolle anguckst nach Dokumentationsqualität oder Versorgungsqualität?
Marie Leistikow
00:08:25
Ich werte grundsätzlich alle Protokolle aus. Schaffe natürlich nicht alle Protokolle. Das ist nämlich eins unserer Ziele. Also Ich mache circa zehn Protokolle alle zwei Werktage und das ist ganz unabhängig davon, ob da Maßnahmen getroffen worden sind am Patienten, ob es ein RTW-Protokoll oder ein NEF-Protokoll ist. Da gucke ich mir alle Protokolle an und schaue mir an, ob das in sich schlüssig ist, also ob das nach der Durchführungsverordnung des schleswig-holständischen Rettungsdienstgesetzes vollumfänglich geführt wurde. Wenn Maßnahmen getroffen wurden am Patienten, gucke ich mir an, ob die Maßnahmen Sinn ergeben haben, beziehungsweise ob sie schlüssig sind. Und wenn nicht, frage ich nach.
Michael (Mike) Stanley
00:09:05
Okay, du fragst nach bei demjenigen, der das Protokoll ausgefüllt hat.
Marie Leistikow
00:09:09
Genau. Derjenige, der das Protokoll geschrieben hat, ist auch verantwortlich für das Protokoll. Im Falle eines mit Nutzern und der S-besetzten RTW ist der Notfallsanitäter verantwortlich für die am Patienten getroffenen Maßnahmen. Das heißt, an denen wende ich mich primär. Und jetzt als Beispiel, es wurde eine NRS von 5 angegeben, es wurde aber keine Analgesie durchgeführt und es ist nicht dokumentiert, warum nicht, dann frage ich nach, warum keine Analgesie durchgeführt wurde. Zum Beispiel.
Michael (Mike) Stanley
00:09:37
Das ist ja cool, das heißt, ich habe mir das ja immer gewünscht früher und habe regelmäßig damals noch Papierprotokolle abgegeben im Krankenhaus und wusste weder, ob ich das sinnvoll dokumentiert habe, ob jemand damit was anfangen kann. Noch, ob meine Versorgung so richtig gut war. Ich meine, er hat das ja manchmal im Kollegenkreis so ein bisschen besprochen, aber ehrlicherweise habe ich jetzt auch nicht bei acht Einsätzen am Tag nicht alle acht Einsätze immer nachbesprochen. Oder mir immer einen Kollegen gesucht dafür. Aber das heißt, wenn ich jetzt bei euch im Kreis fahre, dann kann es passieren, dass ich einfach zufällig in diese Begutachtung reinrutsche mit meinem Protokoll. Und dann von dir Feedback bekomme dazu, ob ich das sozusagen schlüssig dokumentiert habe, ob die Dokumentation ausreichend war und auch, ob die Versorgung ausreichend war.
Marie Leistikow
00:10:17
Korrekt.
Michael (Mike) Stanley
00:10:18
Ja, sehr cool. Wie viele Leute sind damit bei euch betraut im Kreis?
Marie Leistikow
00:10:22
Das Sachgebiet Medizinische Versorgung besteht aus insgesamt fünf Personen Das bin einmal ich, der Bereich Qualität und Standard. Dann ist es mein Kollege Thorsten, der macht das Fortbildungsmanagement. Mein Kollege Christoph regelt den Bereich Ausbildung. Der ärztliche Leiter, Hans-Martin Großnick, der hat eine beratende Funktion bei uns und der Sachgebietsleiter Sebastian Rösch.
Michael (Mike) Stanley
00:10:44
Okay. Das heißt, schwerpunktmäßig bist du dafür verantwortlich, diese Protokolle auszuwerten und Feedback zu geben. Ist es denn so, vielleicht träume ich auch schon wieder, aber ist es denn so, wenn du jetzt merkst, es ist so ein Muster drin und du erkennst, dass zum Beispiel viele Nutzern mit einem gewissen Medikament zum Beispiel unsicher sind, dass das dann einfließt in die Fortbildungsplanung fürs nächste Jahr.
Marie Leistikow
00:11:06
Grundsätzlich fließt das auf jeden Fall in die Planung der Fortbildung mit ein. Inwiefern das umgesetzt wird, wird dann entschieden. Wir haben ja die Möglichkeit, auch E-Learnings zu machen. Dafür ist dann der Kollege Thorsten zuständig in Rücksprache mit uns. Wir können E-Learnings machen, wir können auch sogenannte Medisnacks machen, also ganz kurze Informationen, kurzer Input zu einem Medikament oder greifen das Thema oder das Medikament dann in der nächsten Fortbildung mit auf. Da gibt es verschiedene Möglichkeiten.
Michael (Mike) Stanley
00:11:34
Ja, sehr cool. Ich finde, das klingt sehr gut. Ich würde mich freuen, wenn das sich noch ein bisschen weiter verbreitet. Wie ist es denn praktisch? Jetzt wird so ein Protokoll von mir gelesen von dir und du findest, das ist, sagen wir mal, vielleicht verbesserungswürdig. Kriege ich dann eine E-Mail oder werde ich dann zum Personalgespräch eingeladen oder wie läuft das bei euch?
Marie Leistikow
00:11:54
Also verbesserungswürdig? Klingt irgendwie so ein bisschen nach Bauchgefühl, das ist es auf jeden Fall nicht. Also es orientiert sich wirklich primär erstmal an der Durchführungsverordnung, ob da alle Pflichtinformationen dokumentiert ist.
Michael (Mike) Stanley
00:12:06
Alle Pflichtfelder ausgefüllt, oder?
Marie Leistikow
00:12:07
Ja, also das, was in ein Protokoll rein muss. Ob das alles drinsteht, nach der Durchführungsverordnung. Und wenn das nicht der Fall ist, also zum Beispiel fehlt die Anamnese, Dann würde ich dir eine E-Mail schreiben mit einer kurzen Information, wann dieser Einsatz war, damit man sich auch erinnern kann. Das ist mir ein bisschen datenschutzrechtlich schwierig, da jetzt irgendwie mehr Informationen zu verschicken.
Michael (Mike) Stanley
00:12:30
Klar, ja.
Marie Leistikow
00:12:31
Genau. und frage danach, warum die Anamnese nicht dokumentiert wurde und bitte dann um Antwort innerhalb einer Frist.
Michael (Mike) Stanley
00:12:39
Okay.
Marie Leistikow
00:12:39
Je nachdem, wie dringend es ist. Also es gibt auch die Möglichkeit, ein Telefonat zu führen, wenn da ein bisschen mehr zu klären ist oder in einem gewissen Zeitraum. Rahmen zu klären ist. Dann rufe ich auch an, dokumentiere das aber trotzdem alles schriftlich nochmal, dass das Telefon heute stattgefunden hat.
Michael (Mike) Stanley
00:12:54
Okay, das heißt, sagen wir jetzt mal, ich kriege dann diese E-Mail und dann denke ich mir so, was Fehlt die Anamnese und dann gucke ich nochmal nach. Online habe ich gesehen, geht ja bei euch auch mit dem Dokumentationssystem, dass ich meine Einsätze sehen kann. Gucke ich nochmal nach und stelle dann fest: Oh, krass, nachts zum 3 habe ich echt irgendwie gar keine Anamnese ausgefüllt. Im Idealfall ärgere ich mich dann wahnsinnig über mich selbst und schreib dann zurück, oh, das habe ich ja komplett verbockt, keine Ahnung, was da passiert ist. Das tut mir furchtbar leid. Wie geht es dann weiter?
Marie Leistikow
00:13:20
Dann sprechen wir darüber. Und wenn du mir sagst, Mensch Marie, du hast recht, ich hätte da die Anamnese auf jeden Fall dokumentieren müssen. Das werde ich beim nächsten Mal, beim nächsten Einsatz anders machen. Dann ist der Fall für mich auch abgeschlossen.
Michael (Mike) Stanley
00:13:33
Super.
Marie Leistikow
00:13:33
Nachträgliche Änderungen sind nämlich ja grundsätzlich nicht möglich.
Michael (Mike) Stanley
00:13:36
Klar.
Marie Leistikow
00:13:37
Wichtig ist einfach nur der Lerneffekt.
Michael (Mike) Stanley
00:13:40
Okay, das finde ich total plausibel. Jetzt glaube ich, ist mir das noch nie passiert, dass ich gar keine Anamnese geschrieben habe. Aber nehmen wir mal an, ich bin ein bisschen müde des Ganzen und nachts um 3 steht dann im Anamnesetext bei mir. Zustand nach Sturz, Kopfplatzwunde. Dann ist ja eine Anamnese da. Aber ich könnte mir vorstellen, dass das nicht reicht. Jedenfalls in anderen Rettungsdienstbereichen würde das ja nicht reichen als ausführliche Anamnese.
Marie Leistikow
00:14:03
Genau, da orientiert man sich dann an einem Schema, das heißt Samplerschema oder Samplers, wo ja im Grunde alle Informationen zu den Patienten mit abgedeckt sind. Und einfach nur einen Zustand nach Sturz, jetzt Kopf, Platzwunde, damit ist das Templer natürlich nicht gefüllt. Entsprechend würde ich dann darauf aufmerksam machen, dass wir ein Schema haben, an dem wir uns orientieren. Und dass vielleicht dann auch bitte das nächste Mal umgesetzt wird.
Michael (Mike) Stanley
00:14:29
Okay. Und wie kommt das an bei den Kollegen? Also ich persönlich würde mich total freuen über Feedback und ich rede mit vielen Kolleginnen, die das auch gut fängt oder zumindest erzählen, dass sie es gut fänden. Auf der anderen Seite kann ich mir auch vorstellen, dass ich vielleicht, je nachdem, mir ein bisschen ertappt vorkomme, wenn dann jemand anders in meinem Protokoll vielleicht eine Lücke entdeckt oder Vielleicht auch eine Wissenslücke dadurch sich bei mir offenbart, die mir gar nicht selbstbewusst war.
Marie Leistikow
00:14:53
Grundsätzlich kommt das immer gut an, muss man sagen. Es gibt natürlich einzelne Personen, die fühlen sich persönlich angegriffen durch die Nachfrage. Es gibt auch einzelne Personen. denen sind gewisse Dinge nicht bewusst gewesen vorher. Und es gibt auch Personen, die nehmen das total gut auf. Also wie gesagt, grundsätzlich nehmen die das eigentlich alle Gut an, aber es gibt immer einzelne Personen, die das etwas anders aufnehmen als gewünscht.
Michael (Mike) Stanley
00:15:20
Okay. Und ihr habt auch einige Verfahrensanweisungen im Kreis Nord-Friesland? Man könnte auch sagen, relativ viele Verfahrensanweisungen im Kreis Nordfriesland, die den Rettungsdienst sozusagen gestalten. Guckst du auch danach, ob davon abgewichen wird? Jetzt nickst du und wie geht ihr damit um? Also, wenn ich jetzt zum Beispiel als Aushilfe im Kreis fahren würde, dann wäre ich vielleicht nicht 100% firm mit diesen Verfahrensanweisungen und würde vielleicht an der einen oder anderen Stelle unbewusst abweichen. Das landet ja dann auch sozusagen in dieser Kontrolle bei dir auf dem Tisch. Ist das dann auch eine E-Mail, die ich dann kriege oder wie läuft das?
Marie Leistikow
00:15:55
Genau, im besten Fall kriegst du eine E-Mail. Wenn du jetzt als Aushilfe bei uns fährst und vielleicht noch keine E-Mail-Adresse von uns hast, dann würde ich versuchen, dich telefonisch zu erreichen. Erstmal die Telefonnummer dürfte hinterlegt sein. Würde dir dann die Situation schildern, beziehungsweise das Einsatzprotokoll vielleicht auch nochmal vorlesen, wenn es nicht mehr ganz in Erinnerung ist, was ja auch gut möglich ist, würde dir dann anhand der Dokumentation sagen, was du gemacht hast. Würde dich auch fragen, warum du es so gemacht hast. Das heißt, wir haben vielleicht eine SAA, in der steht, wir geben als Analgetikum jetzt Metamizol und du hast dich aber für Fentanyl entschieden als Beispiel. Bei einer NAS von 3.
Michael (Mike) Stanley
00:16:35
Weil ich vielleicht aus einem Rettungsdienstbereich komme, wo mir gesagt wurde, Metamizol ist sehr gefährlich.
Marie Leistikow
00:16:40
Genau, auch möglich. Dann frage ich dich natürlich, warum du dich so entschieden hast. Dann versuchst du mir das zu erklären. Und dann würde ich dir erklären, wie es bei uns läuft, wie die SAA bei uns geschrieben ist, also wie man sie liest und weshalb wir das Ganze so machen.
Michael (Mike) Stanley
00:16:55
Mhm.
Marie Leistikow
00:16:56
Dein primärer Gedanke war ja grundsätzlich erstmal richtig, dem Patienten möchtest du die Schmerzen nehmen? Vielleicht einfach mit einem anderen Analgetikum, als bei uns in der SAA steht. Dann sprechen wir aber darüber und dann erklärst du mir das. Und wenn das auch plausibel ist und du dem Patienten keinen Schaden zugefügt hast, ist das auch in Ordnung. Das Ganze muss halt sich an Leitlinien orientieren, evidenzbasiert sein. Und wie gesagt, dem Patienten keinen Schaden zufügen. Das ist das Wichtigste. Und dann kann natürlich auch von der SAA abgewichen werden.
Michael (Mike) Stanley
00:17:24
Okay. Ja, sehr spannend. Ich kann aber vielleicht berichten, ich habe schon mal als Auswürfer im Kreis gearbeitet und ich muss sagen, ich habe damit wirklich sehr aufgeweckten RettungssanitäterInnen gearbeitet, die alle die SAA dabei hatten und auch immer sozusagen mich beraten haben, was jetzt sozusagen der Kreisstandard wäre. sodass zumindest ich eigentlich mir immer sehr bewusst war, wenn ich abgewichen habe, weil es mir direkt gesagt wurde, was ich vielleicht einerseits gewöhnungsbedürftig fand, aber auf der anderen Seite eigentlich eine sehr coole Sicherheit ist, wenn da jemand direkt so gut mitdenkt und einen so gut begleitet im Einsatz. Wenn ihr eure Fortbildung intern gestaltet, du hattest schon angerissen, es gibt E-Learning-Module und ihr macht auch Praxis. Wie sieht es aus bei euch im Rettungsdienst? Wie macht ihr Fortbildung?
Marie Leistikow
00:18:10
Dieses Jahr haben wir die Jahresfortbildung auf drei Tage aufgeteilt. Das heißt, die praktische Ausbildung findet bei uns in den Ausbildungsräumlichkeiten statt, in Präsenz. die wie gesagt über drei Tage geht. Zusätzlich haben wir auch noch ein Angebot von E-Learnings. Also das ist die Kombination aus beidem. Und in der Fortbildung werden primär ja praktische Skills und Simulationen durchgeführt. Das ist auch ein bisschen eine Mischung aus kleinen Impulsvorträgen und dann eben die entsprechende Anwendung in Simulationen.
Michael (Mike) Stanley
00:18:41
Das sind dann drei Tage Präsenz, also schon mal 24 Stunden Fortbildungszeit, nehme ich an. Und dann habt ihr also, ich bin mir jetzt nicht 100% firm in Schlüssel-Kolstein, aber dann auch 30 Stunden Fortbildung wahrscheinlich Pflicht. Dann habt ihr also noch mindestens sechs Stunden vier E-Learning-Einheiten. Und das absolvieren die Kolleginnen dann auf der Wache in ihrer einsatzfreien Zeit? Korrekt. Okay. Und wie ist es? Kann ich da irgendwo durchfallen, theoretisch? Also muss ich das einfach absitzen oder muss ich da auch eine gewisse Leistung zeigen?
Marie Leistikow
00:19:09
Also wir erwarten ja grundsätzlich die Leistungen, die mit der Qualifikation einhergehen von den Mitarbeitenden, die in der Fortbildung sind. Und Die Simulationen können eben Standard und als Nichtstandard bewertet werden. Wenn eine Simulation als Nicht-Standard bewertet wurde, wird sie so oft wiederholt, bis diese Simulation Standard ist.
Michael (Mike) Stanley
00:19:29
Okay.
Marie Leistikow
00:19:29
Genau, das ist so unser Ziel dabei.
Michael (Mike) Stanley
00:19:31
Das heißt, nur für mein Verständnis, das heißt, ich komme dann da rein, mache da ein Filebeispiel und dann stellt ihr fest, das war ganz schön weit weg von dem, wie sich der Kreis Nordfriesland die Versorgung vorstellt. Und dann mache ich das gleiche Fiberspiel nochmal, nachdem ihr mir aber gesagt habt, worauf ich achten soll, was ich verbessern kann.
Marie Leistikow
00:19:48
Genau, also nach jeder Simulation finden ja die Briefings statt. Es wird kurz und knapp eine Rückmeldung gegeben, was nicht gut lief, was gut lief, um eben daraus auch zu lernen. Das ist ja auch das Hauptziel in der Fortbildung tatsächlich.
Michael (Mike) Stanley
00:20:01
Okay. Das heißt, am Ende. Habe ich das Fallbeispiel hoffentlich, ich sag mal, dreimal gemacht und dann habe ich es begriffen. Und dann habe ich aber auch das Erfolgserlebnis, dass ich jetzt sozusagen das richtig gemacht habe.
Marie Leistikow
00:20:12
Genau, im besten Falle läuft das so dann, ja.
Michael (Mike) Stanley
00:20:15
Okay.
Marie Leistikow
00:20:15
Es gibt natürlich auch die Möglichkeit, dass mehrere Simulationen als Nichtstandard bewertet werden und wir insgesamt nach den drei Tagen Fortbildung sagen, das entspricht nicht. unserem Versorgungsstandard hier bei uns im Rettungsdienst und wir sehen da nach wie vor Wissenslücken und schicken dann den Mitarbeitenden nochmal zur Fortbildung. Die Möglichkeit besteht schon.
Michael (Mike) Stanley
00:20:36
Okay, ja, sehr gut. Und wie wäre das? In meinem alten Rettungsdienstbereich hatte ich zum Beispiel einen Kollegen, der war eigentlich immer solide dabei und dann irgendwann hatte der eben mit Hausbau und Schwierigkeiten auf dem Hof und Kinderkriegen und Privatleben-Probleme und so, ist das so ein bisschen, sag ich mal, abgerutscht fachlich. Und dann war das Problem, dass er das auch selber gemerkt hat, aber eben Ja, nicht so richtig sich zu helfen wusste, weil er da so, sag ich mal, drei, vier Jahre seinen Fokus woanders hatte. Habt ihr prinzipiell auch die Möglichkeit, jemanden bei Bedarf außerhalb der Reihe nochmal zu einer Fortbildung zu schicken, wenn da sozusagen festgestellt wird, dass er Dringender Bedarf ist, der jetzt nicht mit einem Fachgespräch oder ähnliches zu lösen ist.
Marie Leistikow
00:21:17
Genau, also die Möglichkeit haben wir auf jeden Fall. Das ist dann immer eine Einzelfallentscheidung. Man muss natürlich auf kollegialer Ebene in den Austausch gehen. Und wir bieten Standardisierungskurse an. Die sind verpflichtend für alle neu eingestellten Mitarbeitenden, also auch Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter. Der Standardisierungskurs ist in drei Wochen aufgeteilt. und hat natürlich auch unterschiedliche Schwierigkeitsstufen und einen unterschiedlichen Fokus. Also jede Woche hat einen unterschiedlichen Fokus und auch jeder einzelne Tag. Und da kann man dann schon sagen, dass wenn man jetzt mit dem Kollegen gesprochen hat und man ist sich einig, dass da Wissenslücken bestehen. Dass man dann sagt, okay, dann haben wir jetzt gemeinsam beschlossen, du gehst nochmal in die Woche zwei zum Beispiel des Standardisierungskurses. Die Möglichkeit besteht auf jeden Fall.
Michael (Mike) Stanley
00:22:00
Ja, sehr cool. Das bringt uns direkt schon zur Frage, wie messt ihr denn gute Versorgung? Also wir haben jetzt drüber gesprochen. Es gibt SAA und grundsätzlich sozusagen ist das der Handlungsstrang, an dem man sich orientieren soll. Gleichzeitig ist Abweichen möglich und Patientenschaden soll natürlich vermieden werden, das ist klar. Aber geht es eher darum, dass die Dokumentation gut ist? Geht es eher darum, dass der Patient ein gutes Outcome hat? Oder ist Team Performance was, was euch wichtig ist? Und ich meine, das ist jetzt wahrscheinlich sehr schwer zu messen mit einem Protokoll. Was ist da so dein roter Faden gedanklich?
Marie Leistikow
00:22:38
Das ist primär der Versorgungsstandard. Also wir haben ein Versorgungsstandard. Der steht bei uns Handbuch Rettungsdienst und der Standard ist super detailliert aufgearbeitet und regelt eigentlich so ziemlich alles, was am Patienten gemacht werden kann und muss. Also wir reden hier, um eine Idee zu bekommen von ca. 1000 Seiten SAA. Und das ist der Standard, an dem wir die Handlungen der Mitarbeitenden im Einsatzdienst messen können und auch messen. Wir werten Einsatzprotokolle aus, wir werten auch Rückmeldungen aus Kliniken aus und auch von extern werten wir Rückmeldungen aus, also zum Beispiel von Patientinnen selbst oder von Angehörigen. Und wir beurteilen nicht den Einsatz an sich im Nachhinein und anhand der Schilderungen und ob wir das vielleicht hätten anders gemacht. Sondern beurteilen, ob das geschilderte Geschehen zu den ergriffenen Maßnahmen passt, ob das in sich schlüssig ist. Wir hatten zum Beispiel gerade das Beispiel mit der NAS, wenn eine NAS von 4 dokumentiert ist. Aber auch keine Analgesie durchgeführt wurde und es ist aber nicht dokumentiert, warum eine Analgesie unterlassen wurde. Dann fragen wir nach.
Michael (Mike) Stanley
00:23:45
Ja.
Marie Leistikow
00:23:45
Genau. Bei uns im Handbuch steht nämlich NRS4 oder mehr bedarf einer Analgesie.
Michael (Mike) Stanley
00:23:51
Ja, okay. Heißt aber für mich zum Verständnis, wenn ich zum Beispiel jetzt bei der Patientin bin und Die schildert vielleicht einen Schmerz von 5 auf der Schmerzskala, sagt aber, wenn ich nachfrage, sie möchte nichts gegen die Schmerzen, das möchte sie aushalten, sozusagen. Es gibt ja manchmal solche Leute, und ich das entsprechend so dokumentiere, dann Geht das so durch, weil du dann nachvollziehen kannst, warum ich das so gemacht habe.
Marie Leistikow
00:24:11
Genau.
Michael (Mike) Stanley
00:24:12
Alles klar. Ja, sehr spannend. Ich finde diese Frage, um was ist denn jetzt gute Versorgung Sehr interessant und mein Lieblingsbeispiel ist beim schweren SHT oder beim Pulytrauma, das bewusstlos ist, die BZ-Messung. Ich weiß nicht, ob es anderen schon passiert ist, aber mir ist es bestimmt schon mal passiert, dass ich einen polytraumatisierten Patienten in den Schockraum gebracht habe und kein BZ gemessen hatte und mich wahnsinnig geärgert habe. Und es entsteht dann dieser berühmte Moment, wo ja im Schockraum dann im Rahmen einer BGA auch der BZ erhoben wird und der ist Gott sei Dank bisher immer normal gewesen. Und dann sagt der ein oder andere Kollege, naja, dann war es ja auch nicht schlimm, dass wir nicht gemessen haben, weil der war ja eh normal. Und mich hat er schon immer gestört innerlich und. Ich sehe das persönlich anders und denke mir immer, naja, aber entscheidend ist doch, dass meine Versorgung oder dass die Versorgung des Teams so gestaltet ist, Dass sie möglichst gut ist und gut heißt nicht, dass sie zufällig geradeacht hat heute für diesen Patienten, sondern dass sie möglichst immer ausreicht, um alle unsere Patienten gut zu versorgen. Und wir wissen, wie glanzgewinderte Patienten sollen wir den Zucker messen. Und es kann natürlich sein, dass auch jemand unter Zucker dann einen schweren Verkehrsunfall hat und dann ein polytraumatisierter Patient ist. Und dann wäre es Patientenschädigend, wenn ich diesen Zucker nicht messe und nicht feststelle. Nur weil ich das eine Mal dem Patienten zufällig nicht geschädigt habe, weil der eben nicht unterzuckert war, und das andere Mal schon, ist es von der Versorgungsstrategie her gleich schlecht. Die Auswirkungen für den Patienten sind sehr unterschiedlich, aber mein Versuch ist schon, die Versorgung so zu gestalten. Und ich hoffe, dass ich oft in Teams arbeite, die diesen Anspruch haben. Dass die Versorgung des Patienten so gestaltet ist, dass alles abgedeckt ist. Ich hoffe, das war irgendwie verständlich auch für unsere HörerInnen. Aber genau, ich finde sozusagen das Outcome des Patienten ist natürlich ein wichtiger Qualitätsindikator, aber es kann halt niemals alleine stehen, weil manchmal Überleben Patienten ja zufällig sehr gut und andersrum, manchmal machen wir alles richtig, richtig gut und trotzdem versterben Patienten oder nehmen schweren Schaden. Und wenn wir das nur daran ausrichten würden, dann wären wir, glaube ich, sozusagen in der falschen Richtung gelenkt.
Marie Leistikow
00:26:11
Also du hast völlig recht, der BZ bei einem politraumatisierten Patienten steht vielleicht nicht an erster Stelle bei der Initialversorgung. gehört aber laut Standard natürlich dazu. Also grundsätzlich bei Vigilanz geminderten Patientinnen wird der PZ gemessen. Und dann hat man es mal nicht gemacht, aber wichtig ist ja die Erkenntnis. Dass man da rausgeht und sagt, ich hätte den BZ messen müssen. Und das gehört zu einem Versorgungsstandard eben dazu.
Michael (Mike) Stanley
00:26:36
Ja.
Marie Leistikow
00:26:37
Und die Erkenntnis zu haben, dass man den BZ hätte messen müssen in dieser Situation, ist total wertvoll und total wichtig. Denn die Patienten stehen bei uns immer an erster Stelle und sollten immer an erster Stelle stehen. Und dazu gehört es auch, einen gewissen Standard in der Versorgung zu haben. Den müssen wir alle haben. Natürlich kann man von Dingen abweichen. Aber dieser Standard, dazu gehört eben auch die BZ-Messung, sollte eingehalten werden.
Michael (Mike) Stanley
00:27:02
Auf jeden Fall. Jetzt ist für mich noch eine interessante Frage. Wir wollen ja den Patienten, du hast ja gesagt, das ist sozusagen das oberste Ziel, die Patienten gut zu versorgen und das ist ja auch der Anspruch von uns allen, wenn wir im Rettungsdienst arbeiten. Aber umso mehr fühle ich mich ja ertappt, wenn ich vielleicht den Patienten schlechter versorgt habe, als ich dachte. Und jetzt kriege ich von extern den Hinweis, ich habe dies und das getan oder nicht getan und damit ja möglicherweise einen Patienten geschädigt. Und das ist ja extrem unangenehm. Was gibt es vielleicht für Tipps oder was gibt es für Wege? Was ist deine Strategie, die du verfolgst, damit die Leute das möglichst gut annehmen können? Also mein Hintergedanke ist, dass ja vielleicht auch andere Leute aus dem Rettungsdienst diesen Podcast hören und dann sagen, sie würden das sich gerne abschauen, diese Strategie, dieses Feedback-Konzept. Was sind da für probate Mittel?
Marie Leistikow
00:27:48
Aufklärungsarbeit leisten. Es gibt natürlich immer Bereiche, in denen die Kolleginnen und Kollegen aus dem Einsatzdienst nicht so belesen sind oder einfach in dieser Situation Nicht dran gedacht haben. Das heißt, Aufklärungsarbeit, also grundsätzlich natürlich immer auf kollegialer Ebene, das ist ganz, ganz wichtig. Da ich ja selber auch RTW fahre und eben genau die gleiche Arbeit mache am Patienten, ist das natürlich relativ leicht auf kollegialer Ebene, das Ganze durchzuführen. Nichtsdestotrotz ist es immer wichtig, respektvoll miteinander umzugehen und erst mal die Gründe dafür zu erfragen. erstmal aus Sicht der Protokollführerin oder des Protokollführers erklärt zu bekommen, warum ist es so gelaufen und dann vielleicht auch auf den richtigen Weg bringen und nicht einfach Sagen, das und das war ein Fehler, sondern mit der Kollegin oder dem Kollegen gemeinsam quasi diesen Weg gehen und zu einer Erkenntnis kommen, die dem nächsten Patienten vielleicht zugutekommt.
Michael (Mike) Stanley
00:28:47
Ja, verstehe ich. Finde ich gut. Was ich persönlich auch gut finde, ist, ich finde es sehr gut, dass das Feedback von einer Kollegin kommt, also von einer Notversentäterin. Und nicht nur von einem Arzt oder vielleicht gar nicht vom Arzt, kannst du gleich was zu sagen. Aber in der Vergangenheit fand ich das schon manchmal komisch, wenn ärztliche Leiter mir gesagt haben, wie meine Versorgung auf dem RTW. Bewertet wird, weil ich mir gedacht habe: Mensch, ich weiß ja gar nicht, wie das ist, auf dem RTW zu arbeiten. Oder aber viele sagen ja, sie haben ja früher im Rettungsdienst gearbeitet oder haben früher im Rettungsdienst gearbeitet, aber das ist dann halt 20, 30 Jahre her und da hat sich ja der Rettungsdienst schon ganz schön Verändert verglichen zu jetzt. Insofern finde ich das persönlich ganz schön. Aber vielleicht kannst du dazu was sagen. Welche Rolle hat denn euer ärztlicher Leiter bei diesem Feedback?
Marie Leistikow
00:29:29
Also das Feedback geben wir ohne unsere ärztliche Leitung, ohne Hans Martin. Hans Martin wird natürlich als ärztlicher Leiter in der beratenden Funktion mit einbezogen in komplexere Situationen, komplexere Fälle. Gerade wenn es um Einsatznachbesprechungen geht mit mehreren Beteiligten, also auch außerhalb unserer Organisation, und kann dann natürlich auch nochmal die Situation medizinisch aufarbeiten. Aber grundsätzlich, das ganz normale Feedback wird nicht von Hans-Martin gegeben, sondern von uns oder mir.
Michael (Mike) Stanley
00:30:01
Ja, spannend. Und Hans-Martin hat ja in Folge zwei dieses Podcasts auch ein bisschen seine Perspektive dargestellt, wie er Die Verantwortung der NotversanitäterInnen sieht und auch, wie er seine eigene Rolle sieht, da kann ich mir gut vorstellen, dass das gut harmonisiert. Du hattest ganz am Anfang gesagt, dass du dir auch NEF-Protokolle anguckst. Das heißt, auch Notärztinnen und Notärzte kriegen von dir Feedback. Wie wird das denn empfunden von denen?
Marie Leistikow
00:30:28
Grundsätzlich eigentlich auch gut, würde ich sagen. Es gibt natürlich immer diese Hierarchie, die sich auch nicht wegdiskutieren lässt. Und ich bin nun mal Notfallsanitäterin und sage Notärztinnen und Notärzten, dass das Protokoll vielleicht lückenhaft ist Das ist wie in vielen anderen Situationen auch, der Empfänger macht die Botschaft, aber grundsätzlich kommt das eigentlich doch gut an und wird auch zur Kenntnis genommen und verstanden und wird tatsächlich auch umgesetzt. Das sieht man auch und das freut mich dann auch.
Michael (Mike) Stanley
00:30:55
Ja, cool. Finde ich auch wichtig, weil eine gute Dokumentation und auch eine Versorgung entsprechend der nationalen Leitlinien zum Beispiel, das ist ja was, was natürlich auch unsere Notärzte an sich als Anspruch an sich selbst haben. Und ich kann mir vorstellen, dass es gewöhnungsbedürftig ist, wenn man das nicht kennt und sich daran vielleicht ein bisschen gewöhnen muss, auch als Notarzt, aber auch als Notsand, wenn man das gar nicht kennt aus seinem eigenen Bereich. Aber ich glaube, dass das extrem wichtig ist, um die Qualität voranzubringen. Wie ist denn das bei euch? Habt ihr auch manchmal Gelegenheit zu erfahren, wie der klinische Verlauf in der Klinik war? Also das ist ja zum Beispiel was, was mir immer total fehlt, ist zu wissen. War meine Verdachtsdiagnose richtig? War ich da auf dem Holzweg? Was ist sozusagen am Ende rausgekommen? Das wäre ja total interessant, wenn es sowas auch gäbe irgendwo.
Marie Leistikow
00:31:40
Genau, also alle Mitarbeitenden bei uns haben die Möglichkeit, eine Anfrage zu stellen über unser Meldewesen. Da gibt es einen Kollegen bei uns, der bearbeitet diese Meldungen oder Tickets sind das ja. und steht in Kontakt mit den verschiedenen Kliniken und holt sich dann die Informationen ein und gibt diese dann weiter an die Mitarbeitenden im Einsatzdienst. Also wenn da Bedarf ist, gibt es jederzeit die Möglichkeit, ein Ticket zu erstellen und nachzufragen.
Michael (Mike) Stanley
00:32:04
Sehr cool. Wird aber wahrscheinlich jetzt nicht täglich tausende Tickets geben bei euch.
Marie Leistikow
00:32:09
Also es gibt, so wie ich mir habe sagen lassen, schon relativ viele Tickets. Also man sieht doch schon, ein Interesse ist da. Das finde ich auch sehr gut. Genau, es gibt natürlich nicht so viele Fälle, würde ich behaupten, in denen man das selber wissen möchte, aber in Situationen, in denen man vielleicht Gar keine richtige Verdachtsdiagnose hat und die Patienten doch kritisch waren, ist es doch auch für die persönliche Entwicklung wichtig zu wissen, was ist denn daraus gekommen, habe ich denn gute Arbeit gemacht oder hätte ich noch was anderes machen können.
Michael (Mike) Stanley
00:32:36
Absolut. Das ist, glaube ich, auch das eine, wo gerade Notärzte, die sonst hauptberuflich in der Notaufnahme arbeiten, uns gegenüber einen großen Vorteil haben, weil sie sozusagen sehen, wie es weitergeht in der Notaufnahme, wenn sie dann sozusagen Notaufnehmendienst haben. Ja, sehr cool. Das klingt ja alles sehr nach einer sehr guten Governance-Struktur. Was sind denn Punkte, die ihr noch entwickeln wollt oder angehen wollt? Wie ist denn bei euch so die Zukunftsvision?
Marie Leistikow
00:32:59
Da haben wir auf jeden Fall mehrere.
Michael (Mike) Stanley
00:33:02
Sehr gut.
Marie Leistikow
00:33:03
Wir möchten annähernd wenigstens die voller Fassung der Einsatzprotokolle darstellen können.
Michael (Mike) Stanley
00:33:09
Das heißt, ihr wollt sozusagen, ich sag jetzt mal, über 90 Prozent aller entstandenen Einsatzprotokolle feedbacken.
Marie Leistikow
00:33:16
Genau, genau. Wow. Genau, das ist auf jeden Fall ein großes Ziel von uns. Das ist natürlich mit der Umsetzung, dauert es natürlich ein bisschen. Das ist Anspruchs. Genau, viel Arbeit auch und viel Zeit. Genau, die Vollerfassung der C3-Daten ist ebenfalls ein Ziel, besonders bei Reanimationen. Das ist ebenfalls sehr, sehr wichtig, um die Reanimationen auswerten zu können. Dazu gehören die C3-Daten.
Michael (Mike) Stanley
00:33:40
Auf jeden Fall.
Marie Leistikow
00:33:41
Supervision im Einsatzdienst ist auch noch ein großes Ziel.
Michael (Mike) Stanley
00:33:45
Das heißt, du würdest dann bei mir auf dem RTW sitzen und schauen, wie ich So eine Versorgung durchführe und nicht nur, wie ich sie nachher protokolliert habe.
Marie Leistikow
00:33:52
Genau, also so stellt man sich ja so eine klassische Supervision vor. Wir sind da aber noch in den Kinderschuhen und müssen uns dann noch viele Gedanken zu machen und auch uns Kompetenz aneignen diesbezüglich. Da haben wir aber konkrete Pläne und wir wollen die Supervision beginnen mit den neuen Mitarbeitenden, die neu eingestalten.
Michael (Mike) Stanley
00:34:10
Sehr cool.
Marie Leistikow
00:34:10
Genau. Aber wie gesagt, das steckt noch in den Kinderschuhen, aber das ist auf jeden Fall ein großes Ziel. Die Zusammenarbeit mit den Schulen sollte, glaube ich, auch noch erwähnt werden. Also die Zusammenarbeit mit den Schulen ist grundsätzlich ja da, aber wir möchten sie enger gestalten, wir möchten mehr in den Austausch gehen mit den Schulen. Um Ergebnisse der Qualitätserfassung in die Ausbildung einfließen zu lassen.
Michael (Mike) Stanley
00:34:29
Ja.
Marie Leistikow
00:34:29
Grundsätzlich.
Michael (Mike) Stanley
00:34:30
Ja, stark. Klingt auf jeden Fall, als hättet ihr euch viel vorgenommen.
Marie Leistikow
00:34:34
Soll ich noch mehr erzählen?
Michael (Mike) Stanley
00:34:35
Ja, wenn du noch mehr hast, sehr gerne.
Marie Leistikow
00:34:37
Okay. Die engere Zusammenarbeit mit anderen Rettungsdiensten, um gemeinsame Ziele und Methoden zu entwickeln. Da haben wir schon angefangen. Wir haben mit dem Kreis Schleswig-Flensburg und der Stadt Flensburg gemeinsam das High-Performance-Konzept weiterentwickelt.
Michael (Mike) Stanley
00:34:54
High Performance CPR.
Marie Leistikow
00:34:55
High Performance CPR Konzept weiterentwickelt, genau.
Michael (Mike) Stanley
00:34:58
Das heißt, wenn ihr gebietsübergreifend Einsätze habt, dann ist das Ziel, dass sozusagen alle nicht nur aus dem einen Kreis, sondern aus allen Rettungsdienstbereichen, die jetzt genannt wurden, dasselbe Reanimationskonzept vor Augen haben.
Marie Leistikow
00:35:09
Korrekt, genau. Ja, sehr gut. Das wird das ähnlich, wenn nicht sogar gleich fortbilden und lehren und eben dann die Einsätze, die in Realität stattfinden, trigerübergreifend sozusagen auch auf einem Niveau durchgeführt werden können.
Michael (Mike) Stanley
00:35:22
Super. Noch mehr?
Marie Leistikow
00:35:25
Ja, die Feedbackkultur möchten wir gerne weiterentwickeln, also passend jetzt zum Thema. Ja. Also wir pflegen den nicht bestrafenden Umgang mit Fehlern grundsätzlich. Das machen wir schon jahrelang. Und wir möchten gerne, dass das weiter ausgebaut wird, also dass die Leute sensibilisiert werden diesbezüglich. Und Selbstreflexionen ausüben. Mhm. Das muss halt nochmal irgendwie kommuniziert werden, das muss jeden Tag durchgeführt werden, da muss Routine rein, das muss zum ganz normalen Tagesablauf dazugehören.
Michael (Mike) Stanley
00:35:54
Ja, sehr spannender Punkt und glaube ich ist auch zum einen bitter nötig und ich glaube, das sehen die Leute auch so. Ich jedenfalls sehe das so und gleichzeitig weiß ich, dass es halt doch. . So ist, dass ich mir natürlich manchmal schon, je nachdem, wie auch meine Stimmungslage ist, ertappt fühle, wenn Leute mir Feedback geben. Egal wie wichtig ich Feedback finde und Feedbackkultur finde, manchmal erwischt sie mich auch auf den falschen Fuß. Und ich glaube, da müssen wir einfach hinkommen, dass das völlig selbstverständlich ist und dass das auch so normal ist, dass die Leute sich nicht angegriffen fühlen davon. Und da muss ich auch noch dran arbeiten. Gibt es noch mehr Punkte? Ja. Erzähl!
Marie Leistikow
00:36:32
Wir möchten mehr Kontakt zu den Mitarbeitenden im Einsatzdienst haben. Und auch regeren Austausch über Einsätze grundsätzlich durchführen. Was heißt Erfahrung und Anwendung von Maßnahmen zum Beispiel? Als Beispiel sei genannt, regelmäßige Podcasts erstellen oder Online-Fortbildungen machen. Also, das ist ja jetzt auch schon so, dass man Anrufe bekommt von Leuten aus dem Einsatzdienst, die fragen: Hey Mensch Marie Wir hatten gerade so einen Einsatz mit so einem Patienten, der hatte folgende Symptomatik und ich habe das und das gemacht. Meinst du, das war richtig? Und das ist total wertvoll. Da hat der Mitarbeitende im Einsatzdienst sich Gedanken gemacht zu der Patientenversorgung, war sich unsicher und hat sich dann dadurch noch eine Meinung von einer externen Person eingeholt. Und das soll natürlich nicht jeden Tag am laufenden Band passieren, aber das soll zum Standard werden, dass die Mitarbeitenden aus dem Einsatzdienst wissen, sie können jederzeit sich an uns wenden. Und auch Fragen stellen, auch außerhalb von Einsatzdokumentation.
Michael (Mike) Stanley
00:37:32
Ja, das finde ich auch super wertvoll und ich finde total wertvoll, was du vorhin gesagt hast mit Dem nicht strafenden Umgang mit Fehlern, das hat Frank Flag in der ersten Folge auch erwähnt, dass das in seinem Rettungsdienstbereich auch so gelebt wird. Und das dauert ja auch immer einen Moment, bis sozusagen das Vertrauen dann wächst, bis die Leute feststellen, dass das wirklich so ist und was das praktisch bedeutet. Aber ich glaube, dass es, wenn man so auch nach CRM-Grundsätzen eine Just Culture erreichen möchte und auch eine moderne Governance-Struktur aufbauen möchte, dann braucht man auf jeden Fall einen nicht strafenden Umgang mit Fehlern. Und das ist natürlich was, was als allererstes beim Management anfängt, wie auch immer das nebenbei bei den Rettungsdienstbereich organisiert ist, aber da muss das ja im Kopf Klick gemacht haben und die müssen das verstehen. Sonst kann man es nicht vorleben und sonst ist es ja unglaubwürdig. Also auf so einem Zettel an der Wand braucht das nicht hängen, sondern das muss gelebt werden.
Marie Leistikow
00:38:20
Das ist ja auch. Ein großer Teil der Selbstreflexion. Also es fängt ja mit einer Selbstreflexion an, was wir auch schon besprochen hatten. Und durch diese Erkenntnisse, die man dann gewonnen hat und festgestellt hat. Ich habe vielleicht ein falsches Medikament gegeben oder ich war beim Polytrauma zwei Stunden vor Ort, dass man diese Erkenntnis gewinnt. Das ist ja schon mal der erste richtig, richtig wertvolle Schritt. Und dann auch noch zu kommunizieren mit dem Sachgebiet medizinische Versorgung zum Beispiel. Dass ein Fehler gemacht wurde. Das ist ja so viel wertvoller, als wenn das sanktioniert wird.
Michael (Mike) Stanley
00:38:53
Voll. Und die Luftfahrt weiß das schon lange und versucht das auch schon lange umzusetzen. Und in der Medizin sind wir gerade so ein bisschen am, ich weiß nicht, ob wir aufholen, aber am Nachholen zumindest. Und ich freue mich sehr, dass das jetzt auch im Rettungsdienst immer mehr sich ausbreitet, auch schon bei der ersten Folge. gab es das ein oder andere Feedback von HörerInnen, die gesagt haben, dass diesen nicht strafenden Umgang mit Fehlern, dass sie den Begriff zum ersten Mal gehört haben und dass sich damit jetzt beschäftigen und so. Also Vielleicht, weil wir es jetzt nochmal erwähnt haben, vielleicht wird das ja auch noch im einen oder anderen Rettungsdienst sich etablieren. Habt ihr noch mehr Punkte auf der To-Do-Liste
Marie Leistikow
00:39:28
Ja, wir haben natürlich auch bestimmt noch ganz, ganz viele mehr. Wir sind ja irgendwie Visionäre und man hat ja immer das Bedürfnis, alles perfekt zu machen und Die Welt zu verändern, aber so spezielle Punkte haben wir notiert und einen Punkt haben wir noch und das ist die Rettungssanität da stärken. In ihrer Arbeit, damit sie das, was sie gelernt haben, auch eigenverantwortlich umsetzen. Besonders im Hinblick auf zukünftige Rettungsmittel, die noch neu eingeführt werden, vielleicht und in einigen Bereichen auch schon besetzt werden und im Einsatz sind.
Michael (Mike) Stanley
00:40:00
Du spielst auf NKTW drauf an.
Marie Leistikow
00:40:02
Genau.
Michael (Mike) Stanley
00:40:02
Ja, genau. Die gibt es in Schleswig-Holstein noch nicht im Rettungsdienstgesetz, aber das Rettungsdienstgesetz wird ja möglicherweise bald novelliert und dann könnten es auch NKTW in Schleswig-Holstein geben.
Marie Leistikow
00:40:11
Genau. Und um da schon so ein bisschen vor der Lage zu sein, legen wir da auch sehr viel Wert drauf, dass auch die Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter in der Fortbildung ihre Maßnahmen auch anwenden am Patienten und üben.
Michael (Mike) Stanley
00:40:25
Das finde ich persönlich sehr gut, das hatte ich mit Frank schon besprochen, dass ich das auch von früher so kenne zu meiner Rettaszeit, dass Fitte Rettsern da absolut total wertvoll waren auf dem RTW und auch souverän auf jeden Fall IV-Zugänge gelegt haben. Und das ist ja mir nicht klar, warum das nur Notversenkiter können sollten. Und davor gab es ja auch eine Zeit, da hieß es, es können nur Notärzte und auch das war mir nie klar, warum sollten nur die das können. Insofern freut mich das total, wenn ihr da auch die RettungssanitäterInnen im Blick habt. Ich glaube auch im Hinblick darauf, dass wir, also zum einen seid eher ein sehr großer Flächenlandkreis mit relativ wenig Einwohnern, soweit ich weiß. Das bedeutet natürlich lange Transportwege und eine relativ dünne Besiedlung. Aber zum anderen auch in Vorbereitung auf resiliente Strukturen, ob das jetzt Naturkatastrophen sind oder vielleicht auch die Verteidigungslagen, die immer wieder diskutiert werden. Da werden wir einen Rettungsdienst brauchen, der eine hohe Handlungsfähigkeit hat. Und es ist, glaube ich, nicht schlau, wenn wir da Handlungskompetenz in einzelne Fahrzeuge bündeln, sondern es ist auf jeden Fall gut, wenn da in der Fläche die Leute fit sind. Auf jeden Fall. Wie ist denn deine Beobachtung oder eure Beobachtung, wenn ihr diese ganze Auswertung macht? Ist denn euer Erleben das Je mehr Schwierigkeiten habt durch fehlerhafte Anwendung von Verfahrensanweisungen, also dass es da zu Patientenschaden kommt oder zu potenziellen Patientenschaden. Oder habt ihr eher die Herausforderung mit dem Unterlassen von Maßnahmen, also dass sozusagen gar nicht Versorgung stattgefunden hat?
Marie Leistikow
00:41:53
Meiner Erfahrung nach entstehen die meisten Patienten Schädigungen durch das Unterlassen von Maßnahmen. Also nicht, dass die Leute übers Ziel hinaus schießen, sondern eher im Gegenteil, dass Maßnahmen, die indiziert gewesen wären, nicht angewendet wurden. Das zeigt mir, dass mit Maßnahmen oder mit Medikamenten eher zögerlich umgegangen wird und dass es da noch Schwierigkeiten gab bei der Indikationsstellung.
Michael (Mike) Stanley
00:42:20
Und ist es so, dass die Leute dass dann sozusagen Maßnahmen nicht ergreifen, weil sie unsicher sind in der Maßnahme oder weil sie unsicher sind, ob die Maßnahme gebraucht wird. Ich
Marie Leistikow
00:42:31
glaube, die Indikation, also die Entscheidung zu treffen, der Patient hat diese und diese Symptome. Ich habe die Verdachtsdiagnose XY, zu dieser Verdachtsdiagnose XY Zählt auch folgende Medikamentengaben.
Michael (Mike) Stanley
00:42:44
Ja, also vielleicht sozusagen Vertrauen in die eigene Verdachtsdiagnose zu haben. Ja. Ja, verstehe ich. Das kann ich sehr gut noch vollziehen, persönlich. Ja, sehr spannend. In vielen Gesprächen und also zu Retterszeiten war es ja gang und gäbe, dass die größte Sorge, die kommuniziert wurde, war ja, dass Kolleginnen mit einer Maßnahme Schaden anrichten. Und der Klassiker war ja, dass man zum Beispiel mit einem Betäubungsmittel dem Patienten dann in die Apnoe spritzt, was möglicherweise passieren kann, aber was ja bei sachangemessener Versorgung äußerst unwahrscheinlich ist und die milde Brady-Pnö, die wir alle glaube ich schon mal beobachtet haben, ja in der Regel mit Atemkommandos oder einer Sauerstoffbrille. Wunderbar zu handeln ist. Und auch die Beutelmaskenbeatmung ist ja was, was wir erlernen. Trotzdem scheint mir da auf der Fokus drauf zu liegen, dass sozusagen die Sorge ist: naja, wenn jetzt Maßnahme X ergriffen wird, dann könnte Nebenwirkung Y entstehen. Oder Maßnahme X wird ergriffen, obwohl das gar nicht nötig wäre. Und darum drehen sich ganz viele Diskussionen. Nicht so viel darum, was denn passiert, wenn ein Patient jetzt zum Beispiel keine Anargesie bekommt, obwohl er die gerne hätte und bräuchte. Oder wenn ein Patient keine andere medikamentöse Versorgung bekommt.
Marie Leistikow
00:43:57
Auf jeden Fall.
Michael (Mike) Stanley
00:43:58
Sehr interessant, dass das auch deine Beobachtung ist. Ich hoffe, dass wir vielleicht irgendwann mal schaffen, da den Diskussionskreis zu verändern oder den Diskussionsfokus zu verändern und uns mehr darüber zu unterhalten, ob indizierte Maßnahmen durchgeführt werden. Super, das war eine Riesenlatte an Dingen, die ihr noch vorhabt und ich finde total schön, dass du gesagt hast, ihr seid ja auch Visionärer, als wäre das was Selbstverständliches. Ich erlebe da so eine Riesen Streubreite von Rettungsdiensten und durchaus Rettungsdienste, die eben visionär sein wollen und die gerne Veränderungen schaffen wollen oder die in der Vergangenheit auch schon ganz viel Veränderung gemacht haben. Und jetzt vielleicht gerade eine Phase der Erholung haben und vielleicht wieder Visionäre werden. Und es gibt natürlich auch Rettungsdienstbereiche, wo sehr viel einfach der Status quo verwaltet wird und so wie es ist geguckt wird, dass da die Formulare stimmen und dass da irgendwie die Abläufe stimmen. Insofern ist es schön und wollte ich auch gerne alle Punkte hören, die du hast, weil ich hoffe, dass es vielleicht auch Anregungen gibt für andere Bereiche. Ich würde sagen, wir haben einen schönen Einblick bekommen darin, was das Sachgebiet medizinische Versorgung im Rettungsdienstkreis Nordfriesland Alles tut, alles macht, mit dem Schwerpunkt auf deine Rolle, Marie, als ja, ich nenne es jetzt mal Qualitätsmanagement, so nennt ihr es wahrscheinlich intern nicht ganz. Und im Prinzip klingt es für mich wie eine Governance-Struktur, die ihr aufgebaut habt, wo der Rettungsdienst also nicht nur rettet, sondern auch guckt, wie er rettet. und Einfluss darauf nimmt, dass die Rettung immer besser wird und dass die Versorgung immer besser wird. Und ich finde es auch sehr beeindruckend zu hören, was ihr alles noch vorhabt, um das Ganze zu verbessern. Vielleicht lade ich dich einfach nochmal in einem Ja ein zu diesem Podcast und dann berichtest du mal, ob das da Veränderungen gegeben hat in der Zwischenzeit.
Marie Leistikow
00:45:40
Total gerne.
Michael (Mike) Stanley
00:45:42
Okay, super. Dann vielen Dank auch, dass du die Zeit genommen hast.
Marie Leistikow
00:45:45
Sehr gerne.
Michael (Mike) Stanley
00:45:46
Sehr cool. Das waren, wie ich finde, sehr spannende Einblicke. Und so etwas wie hier beschrieben gibt es, glaube ich, noch nicht so oft im deutschen Rettungsdienst. Wie ist das bei euch? Habt ihr so eine ähnliche Struktur? Gibt es bei euch Feedback? Wenn ja, auch wenn was gut gelaufen ist oder immer nur, wenn irgendwas schief gegangen ist. Gibt es bei euch regelmäßig Feedback, wenn ihr heilkundliche Maßnahmen ergriffen habt? Oder gibt es bei euch Feedback, wenn ihr Maßnahmen unterlassen habt. Und zum zweiten Mal haben wir jetzt in diesen Podcast-Folgen auch die Phrase nicht-bestrafender Umgang mit Fehlern gehört. Das erste Mal war in Folge 1 mit Frank Flake. Gibt es das bei euch auch? Ist das bei euch etabliert oder hört ihr das jetzt auch zum zweiten Mal? Fragt euch, was sich da eigentlich genauer hinter verbergen soll oder ob das wirklich in echt geben kann. Wenn ihr in einem Rettungsdienstbereich arbeitet, wo es keine Feedback-Struktur gibt und kein Governance-System gibt, würdet ihr euch sowas wünschen? Seid ihr so wie ich damals als Rettungsassistent und denkt euch, naja, ich würde schon gern wissen, wo ich da stehe und wie ich mich verbessern kann? Oder sagt ihr, nee, das kann mir alles gestohlen bleiben? Egal wie ihr darüber denkt, mich würde das sehr interessieren. Teilt mir eure Gedanken gerne mit, entweder über Kommentare in Social Media oder auch gerne als E-Mail an podcast. dbrd. de. Ich freue mich von euch zu hören bzw. zu lesen. Passt aufeinander auf, bis zum nächsten Mal und denkt immer daran, Performance ist kein Verbrechen.